Das interkommunale MVZ Schwalm-Nette ist gestartet

Was passiert, wenn eine zentrale hausärztliche Einrichtung keine Nachfolge findet? Für tausende Patientinnen und Patienten in Brüggen und Schwalmtal hätte dies zu einer spürbaren Versorgungslücke führen können. Die bisherigen Gesellschafter des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) Schwalm-Nette gehen perspektivisch in den Ruhestand. Trotz langjähriger und intensiver Suche konnte keine tragfähige Nachfolgelösung gefunden werden. Zugleich zeigten die seit Anfang 2023 geführten interkommunalen Beratungen, dass die verbleibenden Praxen in Brüggen und Schwalmtal einen Wegfall des MVZ nicht vollständig hätten auffangen können.

Die beiden Gemeinden haben sich deshalb auf den Weg gemacht, um langfristig die hausärztliche Versorgung zu sichern: Im März 2025 sprachen sich die Räte beider Gemeinden mehrheitlich für eine interkommunale Lösung aus. Inzwischen ist die Übernahme abgeschlossen und das interkommunale MVZ Schwalm-Nette ist gestartet.

Ein großes Team sichert die Primärversorgung

„Mit der abgeschlossenen Übernahme ist aus einem jahrelangen und intensiven Prozess nun ein konkretes Versorgungsangebot geworden“, betont Marcel Johnen, Bürgermeister der Burggemeinde Brüggen. „Wir erhalten eine wichtige Struktur und entwickeln diese zugleich zukunftsfest weiter“, ergänzt Andreas Gisbertz, Bürgermeister der Gemeinde Schwalmtal.

Das MVZ versteht sich als Primärversorgungszentrum und damit als zentrale erste Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten. „An beiden Standorten arbeiten insgesamt 13 Ärztinnen und Ärzte sowie 50 nichtärztliche Mitarbeitende“, erklärt Johann Heinrich Arens, Facharzt für Allgemeinmedizin, der das MVZ Schwalm-Nette 2018 gegründet hat und Ende des Jahres in den Ruhestand geht. Zum Team gehören auch sogenannte akademisierte nichtärztliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die speziell für bestimmte Versorgungsbereiche qualifiziert sind, Aufgaben eigenständig übernehmen und so die ärztliche Versorgung unterstützen.

Prof. Dr. Mayer-Wingert

Neue ärztliche Leitung

„So können Kompetenzen gebündelt und viele gesundheitliche Anliegen direkt vor Ort behandelt werden“, berichtet Prof. Dr. med. Nadja Mayer-Wingert, neue Geschäftsführerin und ärztliche Leiterin des MVZ. Sie ist Fachärztin für Innere Medizin mit der Zusatzbezeichnung Palliativmedizin und lehrt als Professorin für Gesundheits- und Sozialmanagement an der FOM Hochschule. Dort verantwortet sie mit der wissenschaftlichen Studienleitung des Bachelorstudiengangs „Primary Care Management“ eine akademische Qualifizierung von medizinischen Fachangestellten und anderen Gesundheitsberufen für erweiterte Aufgaben in der hausärztlichen Versorgung. In ihrer Doppelfunktion verantwortet Prof. Dr. Nadja Mayer-Wingert als Geschäftsführerin und ärztliche Leiterin sowohl die medizinische Ausrichtung als auch die organisatorische und betriebswirtschaftliche Steuerung des MVZ. Die Kommunen Brüggen und Schwalmtal sind Gesellschafter. In der Gesellschafterversammlung sowie im Aufsichtsrat wirken neben den Bürgermeistern weitere von den Kommunen entsandte Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Verwaltung an den wesentlichen Entscheidungen mit.

Neben Frau Prof. Dr. Mayer-Wingert unsere frisch gebackenen Primary Care Managerinnen Antje Pötzinger (l.) und Iris Lohmann (r.)

Aufnahmekapazitäten erhöhen durch akademisierte Fachkräfte

Die personelle Breite und der Einsatz von akademisierten Fachkräften ermöglicht es, Kapazitäten zu bündeln: „Die multiprofessionelle Teamstruktur soll dazu beitragen, auch bei hoher Auslastung Aufnahmekapazitäten zu erhalten. Perspektivisch sollen rund 90 Prozent der gesundheitlichen Anliegen direkt vor Ort geklärt werden“, erläutern Johann Heinrich Arens und Prof. Dr. Nadja Mayer-Wingert. Doch was bedeutet es überhaupt, akademisiertes Personal zu haben? Iris Lohmann ist akademisierte Fachkraft sowie Standortleiterin in Schwalmtal und gibt einen Einblick in ihre Aufgaben: „Als Wundexpertin mache ich beispielsweise Hausbesuche, ich biete Sprechstunden wie Impfberatungen an und bin Palliativbeauftragte. Dadurch können die Ärztinnen und Ärzte entlastet werden und sich mehr Zeit für komplexe Fälle nehmen.“

Die Altersstruktur der Bevölkerung zeigt, wie wichtig eine erreichbare Versorgung vor Ort ist: 45 Prozent der Patientinnen und Patienten im MVZ sind älter als 60 Jahre, 1.080 Menschen in Behandlung sind älter als 80 Jahre. Gerade diese Zielgruppe ist auf eine umfassende Betreuung angewiesen. „Hinzukommt die Altersstruktur der niedergelassenen Hausärzteschaft, insbesondere in Schwalmtal. Altersbedingte Schließungen müssen mitgedacht werden, sodass das interkommunale MVZ ein wichtiger Hebel ist, um die medizinische Versorgung im ländlichen Raum langfristig zu stabilisieren“, so Andreas Gisbertz.

Das MVZ in Brüggen befindet sich weiterhin an der Borner Straße 32 sowie am Weizer Platz 1 im Ortsteil Bracht. In Schwalmtal arbeitet das MVZ derzeit am Stöckener Weg 1 in Waldniel in provisorischen Räumlichkeiten. Die Entscheidung über den künftigen Standort soll voraussichtlich im Laufe des Herbstes getroffen werden. Mit der dauerhaften Standortlösung wollen die Gemeinden die räumlichen Voraussetzungen dafür schaffen, das MVZ als modernes Primärversorgungszentrum langfristig weiterzuentwickeln.